„Somatic Education" - ein neuer Weg aus Schmerz und Einschränkung
Im Mai 1990, nachdem sein Buch „Beweglich sein - ein Leben lang" (Originaltitel: "Reawakening the Mind`s Control of Movement, Flexibility and Health"- Kösel Verlag) erschienen war, hielt Prof. Dr. Thomas Hanna (USA) einen Workshop in München und führte in seine Methode „ Hanna Somatic Education" ein.
An einer 42 jährigen Frau, die seit 20 Jahren unter Rückenschmerzen litt, und eine lange Patientenkarriere in Krankenhäusern, Kuranstalten und physiotherapeutischen Praxen hinter sich hatte, demonstrierte er seine Arbeit. Etwa vierzig erfahrene Therapeuten und Feldenkraislehrer erlebten die Verwandlung einer gebeugten, nach links geneigten Frau zu einer aufrechten, strahlenden Erscheinung.
Was vor unser aller Augen geschah, erschien wie ein Wunder, und der Wunsch genauso „zaubern" zu können, war groß. Leider konnte Thomas Hanna die geplante Ausbildung in München nicht mehr selber leiten. Kurz nach seinem Aufenthalt in Deutschland, verunglückte er tödlich.
Phil Shenk (USA), einer der wenigen Schüler von Thomas Hanna, führte den ersten Ausbildungskurs nach dem Tod seines Lehrers durch. Er ging über drei Jahre und umfaßte 300 Unterrichtsstunden. Was ich in dieser Zeit gelernt und erfahren habe, hat mein Leben, mein Verhältnis zu meinen Patienten und zu mir selber verändert. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht voller Staunen, Ehrfurcht und Dankbarkeit an Thomas Hanna denke, der uns einen neuen Zugang zum Menschen und neue Wege der Heilung eröffnet hat.
Thomas Hanna war Philosoph, Schriftsteller und Streßforscher. Sein Hauptinteresse galt der Entfaltung des menschlichen Potentials. Er sah den Menschen als einheitliches System, in dem es keine Trennung von Körper und Geist gibt. Deshalb interessierte er sich auch für die Arbeit von Moshe Feldenkrais. Er holte ihn nach Amerika und wurde einer seiner ersten Schüler. Innerhalb von 10 Jahren entwickelte er die „Funktionale Integration" von M. Feldenkrais zu „ Hanna Somatic Education" weiter. Schmerzgeplagte aus aller Welt suchten seine Hilfe, und in Fachkreisen wurde seine Methode bald als der „beschleunigte Feldenkrais" bezeichnet. Er selber sah sich als „Philosoph, der mit den Händen arbeitet." - In Kalifornien gründete er ein Institut für somatische Forschung und ergänzte die Stressforschung von Hans Selye, der sich auf das endokrine System konzentriert hatte, um den neuromuskulären Aspekt. Ebenso wie Hans Selye geht T. Hanna davon aus, daß alles, was wir erleben, eine körperliche Erfahrung ist.
Thomas Hanna entdeckte zwei spezifische, genetisch verankerte reflexartige Muskelreaktionsmuster, mit denen wir auf das Leben reagieren: Er nannte sie „Start - und Stopreflex".
Der Startreflex ist ein Selbstbehauptungsreflex. Er aktiviert die Streckmuskeln des Rückens und macht uns zum Handeln bereit. In einer leistungsorientierten Gesellschaft wird dieses Reflexmuster permanent ausgelöst. Chronisch kontrahierte Rückenmuskeln, eine der Hauptursachen von Rückenschmerzen, sind die Folge.
Die zweite Anspassungsreaktion unseres Nervensystems auf unsere spezifische Art auf das Leben zu reagieren, ist der „Stopreflex". Er wird durch bedrohliche Situationen, Gedanken, Gefühlen und Ereignisse ausgelöst, und veranlaßt unsere Beugemuskeln zu unwillkürlicher Kontraktion. Wird diese Rückzugsreaktion häufig ausgelöst, verkürzen sich Bauch- und Brustmuskeln dauerhaft. Kopf und Oberkörper neigen sich nach vorne. Das ist eine der häufigsten Fehlhaltungen im Alter.
Eine dritte unwillürliche Reflexreaktion unseres Muskelsystems ist der „Traumareflex". Nach Unfällen, Verletzungen und Operationen verändern wir instinktiv unsere Körperhaltung, um Schmerzen zu vermeiden. Dauert diese kompensatorische Reaktion längere Zeit an, gewöhnen wir uns an diesen ungleichgewichtigen Zustand und behalten die Schonhaltung bei. Es entstehen Skoliosen.
Diese drei Reflexmuster laufen permanent in uns ab, ohne daß wir die damit verbundene Anspannung wahrnehmen. Sorgen wir nicht bewußt für Ausgleich, bleiben unsere Muskeln in Daueranspannung. Viele Bewegungen geraten in Vergessenheit, und wir werden zu Opfern chronisch gegeneinander arbeitender Muskelgruppen. Diesen Kontrollverlust des Cortex bezeichnet Thomas Hanna als „Sensomotorische Amnesie" (SMA).
Die sensomotorische Amnesie ist eine adaptive Reaktion unseres Gehirns auf unser Leben. Sie ist erlernt und kann auch wieder verlernt werden. Das ist eine revolutionäre Erkenntnis, die viele bis jetzt noch nicht verstandene Schmerzphänomene erklären und lösen kann.
„Soma is the body perceived from inside," „Soma ist der von innen heraus wahrgenommene Körper" definierte T.Hanna und betonte die fundamentale Bedeutung sensorischer Bewußtheit zur Steuerung unseres Körpers. Wie wir uns durch einen inneren Lern- und Sensibilisierungsprozeß von den verheerenden Folgen der SMA wieder befreien und Einfluß auf unsere Körperfunktionen zurückgewinnen können, das zeigt uns „ Somatic Education"
Wie sieht die Umsetzung von „Somatic Education" in die Praxis aus, und welche neuen Aspekte und Techniken bringt die Methode?
Am Beispiel einer einundsechzigjährigen Frau, die sich wegen ihres rechten Arms seit 20 Jahren regelmäßig in physiotherapeutischer Behandlung befand, möchte ich einen Einblick in geben. Als sie wegen ihrer Schmerzen nicht mehr schlafen konnte, war Frau D. mit 59 vorzeitig in Pension gegangen.„Inclusive Kuren hat meine Kasse mindestens 100 000 DM für diesen Arm bezahlt", sagte sie, als sie mir seine schmerzhaft eingeschränkten Funktionen vorführte.
Arthrose, Periarthritis humeroscapularis, frozen shoulder, Schulterarmsyndrom lautete die Diagnose. Massagen, Krankengymnastik, Kuren, Medikamente und Spritzen hatten immer nur eine kurzfristige Besserung bewirkt. Ihre Ärzte und Therapeuten hatten ihr gesagt, daß sie mit dem Schmerz leben müsse.
Aus objektiver, medizinischer Sicht stellte sich ihr Problem als irreparabler Schaden dar. Aus „somatischer" Sicht jedoch, subjektiv und aus ihrem Innern betrachtet, waren ihre Beschwerden die Folge eines Kontrollverlusts des Cortex. Subcorticale Reflexe hielten die verhärteten Muskeln ihres rechten Schultergürtels, des rechten Armes und ihrer rechten Taille in Dauerkontraktion. Sie war beim besten Willen nicht mehr in der Lage diese Muskeln unterhalb des programmierten Anspannungsniveaus zu entspannen. Das ist die sensomotorische Amnesie (SMA). Das Problem lag im Gehirn, wo die Reflexe durch Gewöhnung verfestigt waren.
Bereits bei der Begrüßung war mir aufgefallen, daß die rechte Schulter von Frau D. deutlich tiefer hing als ihre linke. Als sie dann ihre Leidensgeschichte erzählte, trat die Tendenz ihres Oberkörpers nach rechts zu sinken noch deutlicher hervor. Mehrfach versuchte sie sich wieder aufzurichten, wurde aber von ihren kontrahierten Muskeln (Latissimus dorsi, pect. major, obliquii interni und externi und quadratus lumborum) immer wieder herabgezogen. Ihre ganze rechte Seite war verkürzt. Als ich Frau D. fragte, ob ihr schon aufgefallen war,wie tief ihre rechte Schulter hing, wunderte sie sich, daß sie den deutlichen Seitenunterschied noch nie bemerkt hatte. Das Ungleichgewicht war ihr so vertraut geworden, daß sie die Verzerrung in ihrer Mitte nicht mehr wahrnehmen konnte. Das ist die sensomotorische Amnesie.
Aufgefallen war mir auch, daß ihr rechtes Bein stärker als das linke war. Durch die Skoliose lastete auf diesem Bein permanent mehr Gewicht. Kein Wunder, daß sie auf dieser Seite auch unter Ischias- und Kniebeschwerden litt. Ihr Orthopäde hatte ihr gesagt, daß man nicht alle Beschwerden auf einmal behandeln könne. Aus „somatischer" Sicht jedoch waren Schulter- Knie- und Ischiasprobleme ein und dasselbe Problem: die sensomotorische Amnesie. Die Kommunikation zwischen Gehirn und den chronisch kontrahierten Muskeln war gestört.
Um die verlorene Herrschaft über diese Teile ihres Körpers zurückzugewinnen, musste sie lernen die „vergessenen" Muskeln wieder zu fühlen, zu kontrollieren und auf neue Weise zu benutzen.
Da die Verkürzung ihrer rechten Seite am auffälligsten war, entschied ich mich in der ersten Sitzung für das Traumareflexmuster, das Thomas Hanna zur Auflösung von Skoliosen entwickelt hat. Frau D. lag dabei auf ihrer nicht betroffenen Seite.
Mit der Wiedererweckung des Latissimus dorsi fingen wir an. Ich erklärte Frau D. Verlauf und Funktion dieses Muskels und forderte sie auf, Ausmaß und Qualität seiner Bewegung festzustellen. Herauszufinden, wie weit sich ihr rechter Arm schräg nach oben strecken ließ, wo es Stolperschwellen gab, wo vermehrter Kraftaufwand nötig war,und wo der Schmerz einsetzte, war ihre erste „somatische" Erfahrung. Noch nie hatte sie ihrem Arm so viel Achtsamkeit, Aufmerksamkeit und innere Anteilnahme geschenkt. „Ohne Schmerz geht fast garnichts", sagte sie.
Es war offensichtlich, daß der Lat. dorsi maßgeblich an der Einschränkung ihres Armes beteiligt war. Wie konnte sie diesen großen Muskel, der permanent unbewußt und unbeabsichtigt angespannt war, dazu bringen, von seiner schädlichen Gewohnheit abzulassen? Sie mußte lernen ihn wieder wahrzunehmen und zu steuern. Deshalb ließ ich sie ihren rechten Lat. dorsi nun willkürlich noch mehr verkürzen. Damit sie seine Kontraktion besser registrieren konnte, hielt ich ihren rechten Oberarm in leichtem Gegenzug. Mit einem Ruck riß sie den Muskel zusammen, und ich brauchte die Kraft einer Ringkämpferin, um ihr standzuhalten. Frau D. jedoch spürte nicht die leiseste Anstrengung. Ihr Lat. dorsi war auf ein hohes Anspannungsniveau programmiert und sie merkte nicht, mit welcher Gewalt sie ihn benutzte. Dieser Mangel an Selbstwahrnehmung ist die sensomotorische Amnesie.
In kleinen Schritten von gezieltem Anspannen und Loslassen begann Frau D. nun ihren Lat. dorsi wieder bewußt zu gebrauchen. Unter meinem gleichbleibendem Zug verlängerte sich der Muskel, und jedesmal wenn er seine größte Spannweite erreicht hatte, mußte sie die neue Länge gegen meinen Widerstand verteidigen. Als sie nach fünfmaliger Wiederholung dieser Wiedererweckungsprozedur, Qualität und Ausmaß der Bewegung mit der Ausgangssituation verglich, jubelte sie: „Mein Arm ist viel länger geworden! - er fühlt sich ganz leicht an...". Die anfangs ruckartige Bewegung war fließender geworden und der befreite Atem strömte in ihren Bauchraum. Lebhaft hob und senkte sich ihre Bauchdecke. Spontan gab sie einige Seufzer von sich.Sie klangen, als ob sie von einer grossen Last befreit worden wäre. Jetzt da sie wieder ein Gefühl von Leichtigkeit und Freiheit in ihrem Arm erlebte, wurde ihr auch klar, wieviel Anspannung in ihrem breiten Rückenmuskel gespeichert gewesen war. „Und das Schönste ist, daß mir nichts weh tut !"
Zu Beginn der Sitzung hatte ich Frau D. darauf hingewiesen, daß sie auf ihr Wohlbefinden achten und die Schmerzgrenze respektieren müsse. Während ihre Muskeln ihr wieder zu gehorchen lernten, hatte sie selber die Situation in der Hand .
Die nächsten Neuerziehungskandidaten waren die Obliqui interni und externi und der Quadratus lumborum. Diese Muskeln waren ebenfalls an der Seitwärtsneigung ihres Oberkörper beteiligt, und solange diese starke, unfreiwillige Daueranspannung in ihrere rechten Taille bestand, waren auch Arm und Schulterblatt erheblich eingeschränkt.
Wir gingen nach dem gleichen Muster wie beim Lat. dorsi vor: Kontaktaufnahme mit dem Muskel, Überprüfung seiner Funktion und Neuorganisation durch bewusstes Aktivieren und Entspannen. Feststellung der Veränderung und Verinnerlichung des neuen Programms durch Wiederholung der „vergessenen" Bewegung.
Wieder ließ ich Frau D. die unwillkürliche Anspannung bewußt noch mehr verstärken, und die Muskeln dann stufenweise aus der Verkürzung zur größtmöglichen Verlängerung entspannen. Je mehr Gespür sie für ihre Taillenmuskeln gewann, desto besser konnte sie sie wieder befehligen. Die Wirkung auf ihren rechten Arm erstaunte sie. Kaum 45 Grad hatte sie ihn vorher abduzieren können. Nun, 15 Minuten später ließ er sich mühelos über Schulterhöhe heben.„Das ist ein Wunder!" sagte sie, „mindestens zehn Jahre hab ich das nicht mehr gekonnt!"
Die neurophysiologische Grundlage dieses „Wunders" ist das sensomotorische Rückkoppelungssystem.Das Gehirn integriert die eingehenden sensorischen Informationen mit den ausgehenden Befehlen an das Bewegungssystem. „Wir arbeiten nicht mit den Muskeln, wir arbeiten mit dem Gehirn", hat T. Hanna immer wieder betont.
Eine weitere entscheidende Funktionsverbesserung des Armes brachte die Befreiung der rechten Pectoralen. Auch sie waren vom Cortex „vergessen" worden. Sie hielten das Schultergelenk nach vorne, das Schulterblatt nach oben gezogen und den Arm in Innenrotation fixiert. Innerhalb von 15 Minuten waren ihre Brustmuskeln wieder länger und durchlässiger geworden. Wärme strömte bis in die Fingerspitzen, und problemlos konnte sie ihren Arm jetzt wieder nach rückwärts strecken. Ihr Schulterblatt, das jahrelang unter verhärteten Muskelschichten gefesselt gewesen war, trat wieder klarer in ihr Bewußtsein und beflügelte sie zu ungewohnten Bewegungen und Gefühlen.
„ Ich hab ja ein Schulterblatt!", rief sie aus,- „61 Jahre mußte ich werden, um das zu entdecken." Glücklich nahm sie einen Teil ihrer Selbst, der unmerklich verloren gegangen war, wieder in Besitz.
Innerhalb einer Sitzung war ihr gelungen, Kontrakturen, die über Jahrzehnte bestanden hatten, entscheidend zu verringern. „Und gerader bin ich auch geworden!" sagte sie, als sie sich am Schluß der Stunde im Spiegel betrachtete.
Bei unserem nächsten Treffen, berichtete Frau D., daß ihr größtes Problem, die nächtlichen Schmerzen verschwunden seien. Auch ihre Ischiasbeschwerden hatten sich gebessert. Sogar das Knie schmerzte weniger.
In dieser Stunde arbeiteten wir an ihrem Stopreflexmuster. Die Befreiung ihrer chronsich verkürzten Brust,- und Bauchmuskeln, der Hüftadduktoren und Abduktoren fand in Rückenlage statt. Danach fühlte sich ihr rechtes Bein „wie neu eingesetzt" an. Sie war aufrechter geworden und konnte sie ihren Arm wieder problemlos bis zum Ohr heben.
Beim dritten Termin arbeiteten wir mit dem Startreflexmuster. Dabei lag Frau D. auf dem Bauch. In dieser Position lernte sie Trapezius, Rhomboiden, Rückenstrecker und Gluteen wieder wahrzunehmen und auf neue Weise zu benutzen. Mit wachsender Kontrolle über diese Muskelgruppen vergrösserte sich die Bewegungsfreiheit von Arm und Schultergürtel. Wie sehr ihre Lendenwirbelsäulengegend in Vergessenheit geraten waren, wurde ihr erst bewußt, als sie nach der Sitzung die Veränderung feststellte. „Ich bin wie neu geboren, ich fühle mich wie 30!"
In den ersten drei Stunden hatten wir uns hauptsächlich auf die großen Muskeln, die Arm und Rumpf miteinander verbinden, konzentriert. Nun gingen wir mehr auf die Armmuskeln ein. Ihr Unterarm war in Innenrotation fixiert und hatte vergessen, daß er sich auch nach außen drehen kann. Das lernte er schnell. Auch die Beuger begriffen rasch, daß sie nicht permanent in Anspannung verharren mußten und gaben den Streckern wieder eine Chance. Immer mehr gelang es ihr, ihre überstrapazierten Armmuskeln durch geschickte Koordination zu entlasten und auf neue Weise zu gebrauchen. Aus der hilflos Leidenden war eine selbstbewußte Frau geworden, die gelernt hatte, ihren Körper wieder in den Griff zu bekommen.
In jeder Sitzung hatte ich Frau D. die zum Reflexmuster passenden somatischen Übungen gezeigt, mit denen sie die Verbesserung erhalten, ja sogar noch steigern konnte. Diese Übungen sind im letzten Teil des Buches „Beweglich sein - ein Leben lang" beschrieben. Sie verändern dauerhaft die Gehirnfunktion, wenn sie langsam, achtsam und ohne Anstrengung ausgeführt werden. Das fiel Frau D. zunächst nicht leicht. "Bei mir muß immer alles schnell gehn!". Dennoch gewann sie großen Spaß an dieser Art der Selbsterforschung und berichtete begeistert von ihren Entdeckungen. Statt ihre Armmuskeln permanent unfreiwillig zu überanstrengen, lernte sie jetzt Rücken,- Schulterblatt,- und Brustmuskeln zu deren Entlastung einzusetzen. Ihr Selbstmanagement verbesserte sich, und viele Bewegungen, die sie längst aus ihrem Repertoire gestrichen hatte, gingen nun wieder „wie geschmiert". Bücken, Kämmen, das Anziehen von Pullover, Schuhen und Strümpfen waren „ so einfach wie vor zwanzig Jahren". Ihre Ischias- und Knieprobleme gerieten in Vergessenheit.
„Mein ganzer Tag verläuft anders, wenn ich die Übungen gemacht habe", sagte sie, ich bin viel gelassener geworden und strenge mich nicht mehr so an. Ich fühle mich wieder jung und beweglich."
Nach sieben Sitzungen (jeweils 60 Min.) verabschiedeten wir uns. Sie war achtsamer und sensibler sich selbst gegenüber geworden und hatte gelernt sich besser zu organisieren. Sie fürchtete keinen „Rückfall" mehr. Drei Monate später kam ein Brief von Frau D.: „Ich habe nicht nur meinen Arm wiedergefunden - ich habe ein ganz neues Lebensgefühl gewonnen!"
Seit zehn Jahren praktiziere ich nun „Somatic Education". Der Blick für „vergessene" Körperpartien und Muskeln, die aus dem Gleichgewicht geraten sind, ist sicherer geworden, die Fähigkeit gezielt und effizient Leidenden zu helfen, ist gewachsen. Gewachsen ist auch der Wunsch, die geniale Arbeit von Thomas Hanna, deren Verbreitung durch seinen Unfalltod unterbrochen wurde, weiterzugeben.
Im Verband für Physikalische Therapie bekam ich zum ersten Mal Gelegenheit, die Methode bei spezifischen Problemen, wie z. B. bei Schulteramsyndrom vorzustellen. Das war eine beglückender und inspirierender Anfang für weitere Unterrichtstätigkeit. Inzwischen gibt es Masseure, Physiotherapeuten und Ergotherapeuten, die mit großem Erfolg „Somatic Education" in Praxen und Kliniken praktizieren. In einer norddeutschen Rehaklinik haben Ärzte und Therapeuten gemeinsam gelernt und sind dabei außerordentliche Erfahrungen zu sammeln.
Die systematische Nutzung von Bewußtheit als neurophysiologischer Funktion zur Steuerung des Körpers bringt eine Dimension in die Medizin, die der selbstregulierenden, selbstkorrigierenden, selbstheilenden Natur des Menschen gerecht wird. Deshalb ist „Somatic Education" für Therapeuten eine grossartige Chance, der Physiotherapie wieder mehr Bedeutung zu verschaffen. Behandler, die über eine praktische Kenntnis der Funktionsweise des menschlichen Gehirns verfügen und ihre Patienten zu einem selbstverantwortlichen, bewußten, ökonomischen und intelligenten Umgang mit dem eigenen Körper anleiten, können uns unendlich viel Leid und Kosten ersparen.
Die sensomotorische Amnesie beschreibt eine Kategorie von Gesundheitsproblemen, die im Rahmen der gängigen medizinischen Traditionen nicht diagnostiziert werden kann. Dennoch sind wir alle davon betroffen. Egal ob es sich um funktionelle Störungen, sogenannte „psychsomatische Krankheiten", um berufsbedingte Probleme von Musikern, Tänzern und Sportlern, um Alters- oder Degenerationserscheinungen handelt, „Somatic Education" bringt ungewöhnliche, unerwartete Erfolge. Die Methode ist ein entscheidender Gewinn für Ärzte und Therapeuten,die sich mehr Durchblick, Erfolg und Erfüllung in ihrer Beruf wünschen.
Die Erkenntnis des Philosophen, Streßforschers und Therapeuten Thomas Hanna, daß wir keine hilflosen, reparaturbedürftigen Objekte sind, sondern zur Selbsterneuerung begabte Systeme, die durch einen inneren Lernprozess ihre Körperfunktionen permanent verbessern können, eröffnet ein Leben ungeahnter Wachstums-, und Reifungsprozesse.
„Der Cortex ist die Quelle von Freiheit und Selbstbestimmung", hat Thomas Hanna gesagt und uns den Weg zu dieser Quelle gezeigt.
Literatur:
Thomas Hanna: „Beweglich sein - ein Leben lang", Kösel Verlag
Originaltitel: „Somatics. Reawakening the Mind's Control of Movement, Flexibility and Health."
Moshe Feldenkrais: Bewußtheit durch Bewegung, Suhrkamp Verlag
Deane Juhan: Körperarbeit. Die Soma-Psyche Verbindung. Ein Lehrbuch. Knaur Verlag
Beate Hagen, staatl. anerk. Masseurin, Somatic Educator, Atemlehrerin